Kammerofen oder Herdwagenofen? Der Vergleich

Beide Bauformen decken denselben Temperaturbereich ab und behandeln oft dieselben Werkstoffe. Der Unterschied liegt in der Beladung – und die entscheidet ab einem bestimmten Chargengewicht praktisch allein.

Die eine Frage, die zuerst zu klären ist

Kammerofen und Herdwagenofen unterscheiden sich nicht in der Wärmebehandlung, sondern darin, wie die Charge in den heißen Raum kommt. Beim Kammerofen wird sie durch eine Tür eingebracht. Beim Herdwagenofen fährt der Ofenboden heraus, wird außerhalb beladen und fährt wieder ein.

Alles Weitere folgt daraus. Deshalb steht am Anfang nicht die Temperatur, sondern das Chargengewicht.

Direktvergleich

KriteriumKammerofenHerdwagenofen
BeladungDurch die Tür, manuell oder mit ChargiergerätAusfahrbarer Herdwagen, Beladung per Kran oder Stapler
Typisches Chargengewichtbis ca. 1 tbis 30 t
Bauteilgeometriekompakt, gut handhabbarschwer, sperrig, langgestreckt
Beladezeitkurz bei kleinen ChargenBeladung läuft parallel zum laufenden Betrieb
Stellflächegeringzusätzlich Ausfahrfläche vor dem Ofen
Konstruktiver AufwandgeringerWagen, Schienen, Antrieb, Dichtsystem
NTH Therm BaureihenICO · ICF · IRF · IBFIWO · IWF

Die zweite Frage: über oder unter 860 °C?

Unabhängig von der Bauform verläuft bei etwa 860 °C eine physikalische Grenze. Darunter lässt sich Wärme wirksam über bewegte Luft übertragen – forcierte Umwälzung liefert dann die beste Gleichmäßigkeit. Darüber dominiert Strahlung; ein Umwälzgebläse bringt kaum noch Wirkung und wäre thermisch überfordert.

Jede Bauform gibt es deshalb in zwei Varianten:

Umluft, bis 860 °CStrahlung, bis 1300 °C
KammerofenICO – 50–860 °C, < ±5 °C, vertikale oder horizontale UmwälzungICF – 50–1300 °C, 3-seitige Rohrheizelemente mit freier Strahlung
HerdwagenofenIWO – 50–860 °C, < ±5 °C, ZwangsluftumwälzungIWF – 50–1300 °C, Strahlungsheizung, keramische Bodenplatten

Typische Prozesse unterhalb der Grenze sind Anlassen (100–700 °C), Alterungsglühen und Trocknen. Oberhalb liegen Sintern, Kalzinieren, Hochtemperaturglühen und Austenitisieren beim Härten.

Entscheidungsweg in vier Schritten

  1. Chargengewicht und Abmessungen bestimmen. Lässt sich die Charge sicher durch eine Tür einbringen? Wenn nein: Herdwagenofen.
  2. Höchste Prozesstemperatur festlegen. Unter 860 °C: Umluftvariante (ICO/IWO). Darüber: Strahlungsvariante (ICF/IWF).
  3. Gleichmäßigkeitsanforderung prüfen. Enge Toleranzen wie ±5 K sprechen unterhalb von 860 °C klar für Umluft.
  4. Chargenwechsel je Schicht abschätzen. Bei häufigem Wechsel spielt der Herdwagenofen seinen Vorteil aus, weil die nächste Charge außerhalb des Ofens vorbereitet wird.

Wenn beide Bereiche gebraucht werden

Wer regelmäßig unter und über 860 °C arbeitet, steht sonst vor zwei Anlagen. Der multifunktionale Kammerofen IRF löst das mit zwei unabhängigen Prozessräumen in einem Gehäuse: links Umluft bis 860 °C, rechts Hochtemperatur bis 1200 °C, getrennte Türen und Regelkreise, SiC-Bodenplatte. Zwei Prozesse können parallel laufen – bei einer Stellfläche.

Sonderfälle, die keine der beiden Bauformen sind

  • Serienfertigung mit gleichbleibendem Teilespektrum: Der Durchlaufofen (260–1100 °C) ist bei hohem, konstantem Durchsatz beiden Bauformen überlegen.
  • Spulen und Ringe: Der Haubenofen mit 1.000–10.000 Litern trennt Heizen und Kühlen und hält die Anlage für die nächste Charge frei.
  • Kleine Chargen und Materialproben: Der Laborofen IBF erreicht als Tischgerät 1300 °C.

Häufige Fragen

Wann ist ein Herdwagenofen sinnvoller als ein Kammerofen?

Sobald die Charge nicht mehr von Hand oder mit einem Hubwagen eingebracht werden kann. Beim Herdwagenofen wird die Charge außerhalb des Ofens per Kran oder Stapler auf den ausfahrbaren Herdwagen gesetzt – das verkürzt die Beladezeit und erhöht die Sicherheit bei schweren Teilen. Als Faustregel gilt: ab etwa einer Tonne oder bei sperrigen Bauteilen.

Was ist der Unterschied zwischen ICO und ICF?

Der ICO arbeitet mit forcierter Luftumwälzung bis 860 °C und erreicht dabei eine Gleichmäßigkeit unter ±5 °C. Der ICF arbeitet ohne Umwälzung bis 1300 °C mit dreiseitig frei strahlenden Rohrheizelementen. Oberhalb von etwa 860 °C überträgt Strahlung die Wärme ohnehin dominant, ein Gebläse wäre dort wirkungslos und würde verschleißen.

Und der Unterschied zwischen IWO und IWF?

Dieselbe Logik, nur als Herdwagenofen: Der IWO deckt 50–860 °C mit Zwangsluftumwälzung und unter ±5 °C Gleichmäßigkeit ab, der IWF geht bis 1300 °C mit Strahlungsheizung und keramischen Bodenplatten für schwere Lasten.

Gibt es eine Lösung für beide Temperaturbereiche?

Ja – der multifunktionale Kammerofen IRF vereint zwei unabhängige Prozessräume in einem Gehäuse: links Umluft bis 860 °C, rechts Hochtemperatur bis 1200 °C. Beide Kammern haben eigene Türen und Regelkreise und können parallel laufen.

Welche Bauform ist günstiger?

Bei gleichem Nutzraum ist der Kammerofen in der Regel die einfachere und damit günstigere Konstruktion. Der Herdwagenofen bringt zusätzlich Wagen, Schienen, Antrieb und Dichtungssystem mit. Übersteigt das Chargengewicht aber die manuelle Beladbarkeit, ist der Kostenvergleich hinfällig – dann ist der Herdwagenofen die einzig praktikable Lösung.

Unsicher, welche Bauform passt?

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